Donnerstag, 26. April 2018

Ist das Unkraut, Heilkraut oder Superfood?

Ich war dann mal weg... 5 Tage auf Bildungsurlaub- nicht nur- zum Thema Frühlingskräuter und was man daraus so machen kann- und es hat sich gelohnt! 

Knoblauchrauke
Vorab möchte ich allerdings folgendes erwähnen: 
Essbare Wildkräuter, von denen viele auch als Heilkräuter bekannt sind, ersetzen keine ärztliche Therapie! Auch sollte man sich sicher sein, dass keine Allergie gegen bestimmte Stoffe vorliegt. Im folgenden Artikel werden Heilkräuter angerissen und essbare Pflanzen beschrieben, um die Neugier beim Leser zu wecken, der daraufhin vielleicht tiefer in die Materie eintauchen mag. Ich berichte hier ausschließlich über meine eigenen Erfahrungen, die ich bei einem Bildungsurlaub unter Dozentenanleitung gemacht habe und appelliere inständig, nur solche Pflanzen zu kosten oder zu verarbeiten, bei denen Sie sich bei der Bestimmung zu 100% sicher sind- ein "eventuell handelt es sich vielleicht um diese oder jene Pflanze" ist nicht sicher! Für alle Interessierten ist am Ende des Artikels eine Verlinkung sowie eine Sammlung von Suchbegriffen für weiterführende Fachliteratur angefügt.

Gartenschaumkraut
Superfoods sind in Aller Munde, vermeintlich hypergesunde Kerne, Früchte, getrocknete Würzelchen, Tees, exotische Gräser und vieles mehr wird aus den entlegendsten Gebieten dieser Erde für viel Geld und unter Verschwendung von unfassbaren Rohstoffen in unsere Gefilde transportiert. Und alle versprechen sie auf ihre eigene Art Heilung allerlei Wehwehchen und die Versorgung unseres Körpers mit allen wichtigen Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen- Adieu Zivilisationskrankheiten... aber... 

Lungenkraut
... hat unsere heimische Natur nicht ebenfalls ein breit gefächertes Angebot, welches einen ähnlichen Zweck erfüllt, ohne tausende Kilometer Transportweg zurück legen zu müssen und das vielleicht zu wesentlich erschwinglicheren Preisen?
Eigentlich sogar umsonst?

Vergißmeinnicht und Lungenkraut
Hat sie- hat auch jeder irgendwie schon einmal gehört, aber auch ich habe mich schwer getan, einfach mal zu probieren. Rückblickend war das auch gut so, denn es besteht bei einigen Pflanzen- ähnlich wie auch bei Pilzen- eine hohe Verwechselungsgefahr für den Laien und manchmal auch für den Profi- spätestens, wenn sich die Blätter ohne Blüte so sehr ähneln, dass man besser darauf verzichten sollte. So sehen sich Bärlauch und das giftige Maiglöckchen sehr ähnlich- was fatale Folgen haben kann, oder auch Wiesenkerbel und der gefleckte Schierling, der in der Vergangenheit als Schierlingsbecher mit Todesfolge so manch antiken Menschen ins Jenseits beförderte- allen voran sei Sokrates genannt, der mittels diesem Getränkes hingerichtet wurde.

Teich bei Haus Friede
Doch kommen wir wieder zu den Lebenden und zu den Möglichkeiten, mit heimischen Wald- und Wiesenkräutern spannende Dinge anzufangen.
Haus Friede in Hattingen war unser Ausgangspunkt, von dem aus die Gruppe der Teilnehmer zu den kleineren und größeren Exkursionen aufbrach. Und gleich an der Einfahrt zu dem im absolut Grünen gelegenen Haus wuchsen auch schon die März- bzw. Duftveilchen. Genau die Veilchenart, die zum aromatisieren der bekannte Veilchenpastillen dient. Und wer im März/ Anfang April die kleinen violetten Blumen in einer Wiese oder am Wegesrand entdeckt, sollte unbedingt daran riechen und sich ein wenig in die Kindheit zurückversetzen lassen.Unsere Dozentin war eine sehr begeisterungsfähige und wissenvermittelnde Persönlichkeit, die zum mitschreiben aufrief- somit habe ich es leider verpasst, ein schickes Foto zu schießen. Hier dafür ein externer Link zu der Beschreibung nebst Bildmaterial: Duftveilchen in der wikipedia

Um Haus Friede, links herum geht es in den Wald
Im Laufe des ersten Nachmittages durchforsteten wir noch die angrenzende Wiese und ich fühlte mich in Gedanken in meinen Garten versetzt und war schon sehr gespannt darauf, das Entdeckte mit meinen Gewächsen daheim zu vergleichen. Wir fanden Sauerampfer, Spitz- Breit- und den mittleren Wegerich und hörten spannende Geschichten dazu. Der Spitzwegerich ist neben dem Breitwegerich wohl den meisten daher bekannt, dass er in vielen Husten- und Bronchialtees enthalten ist.

Breitwegerich
Eine ähnliche Wirkung hat auch der Breitwegerich, allerdings sollten bei letzterem nur die jungen Blätter verwendet werden- alles andere wird zäh und ledrig. Bei Insekten- und Brennnesselstichen leisten beide erste Hilfe: Einfach ein Blatt zerreiben und auf den Stich auflegen.
Die Blätter des Sauerampfers haben eine kühlende Wirkung. Während die Wegeriche nicht gekocht werden sollen, kann der Sauerampfer auch in Maßen zu einer Suppe verarbeitet werden- in Maßen und möglichst ohne Stiel, da er ähnlich dem Rhabarber Oxalsäure enthält.

Gesammelte Kräuter 1
Nach jeder Exkursion wurden die gesammelten Kräuter verarbeitet, wobei der Fokus auf kleinen Tinkturen und Mazeraten sowie an den folgenden Tagen auch auf Kosmetikprodukten lag.
Für eine Tinktur wird immer Alkohol benötigt, in welchem die Kräuter für 4- 6 Wochen je nach gewünschter Wirkung einzeln oder als Mischung ziehen müssen.
Als Mazerat werden hingegen Öl- und Essigauszüge bezeichnet, die eine kürzere Ziehdauer haben.
Ebenfalls wurden verschiedene Sorten zu schmackhafter Kräuterbutter verarbeitet- was ich persönlich als ausgesprochen lecker empfand.

Gesammelte Kräuter 2
Eines der für den Gärtner unangenehmsten "Unkräuter" in unseren Breiten ist zweifelsohne der Giersch. Wir haben ihn roh probiert und ich muss leider eingestehen, dass er mir zuwider ist. Er soll gegen Gicht helfen, was allerdings nicht hinreichend belegt ist- das muss aber jeder für sich selbst entscheiden und gegebenenfalls ausprobieren. Giersch ist reich an Mineralien und Vitaminen und hat neben einigen anderen Wildkräutern vielen Menschen zu Kriegszeiten das Leben gerettet. Ich werde ihm vielleicht irgendwann noch einmal die Chance geben und ihn kochen- dann soll er dem Spinat ähneln. Achtung: Es besteht eine Verwechselungsgefahr zum Schierling, allerdings hat der Giersch einen dreikantigen Stiel. Bitte dennoch nur verwenden, wenn eine 100%ige Sicherheit besteht.

Vogelmiere
Die Vogelmiere, die sich in meinem Garten breit gemacht hat und von der mir schon mein Nachbar berichtete, dass er sie als Kind häufger gegessen hat, hat mich geschmacklich von allen Wildkräutern am meisten überzeugt: Sie erinnert an junge Erbsen und an Mais und wird definitv ihren Weg auf meinen Salatteller finden. Eine wundheilende Salbe lässt sich ebenfalls daraus herstellen und das Kraut selbst ist ein vielseitiges Heilkraut.

Brennnessel- an diese 3 n`s muss ich mich gewöhnen
Die Brennnessel ist hier eigentlich das Superfood schlechthin, alleine hierüber liesse sich ein ganzes Buch füllen. Als Tee, gekocht, im Salat, als Brühe oder Jauche zur Pflanzenstärkung und als Dünger, als Färberpflanze und sogar zur Fasergewinnung für Kleidung... schier unendliche Möglichkeiten für eine Pflanze, der immer noch so oft nachgesagt wird, sie sei ein lästiges Unkraut. Ok, die Fasergewinnung ist ein ausgesprochen aufwändiger Prozeß, der bereits vor tausenden von Jahren angewandt wurde und heute leider fast unerschwinglich ist, aber es lohnt durchaus, sich einmal mit dem interessanten Material zu befassen.

Die hübschen Blüten der Taubnessel
Nicht verwandt oder verschwägert mit der Brennnessel sind die Taubnesseln, die alleine durch ihre Blüten schnell und einfach von der Brennnessel zu unterscheiden sind. Sie gehöhren zu den Lippenblütlern und wirken vorzugsweise gegen "Frauenleiden". Die Blüten lassen sich aussaugen und geben so den Geschmack des süßen Nektars preis.
Taubnesseln gibt es mit weißen, violetten und gelben Blüten, gelesen habe ich noch von roten, diese aber noch nie gesehen.

Löwenzahn
Ebenfalls als böses Unkraut verschrien ist der Löwenzahn, dessen gesamte Pflanze für den Menschen nutzbar ist- doch auch hier gilt Vorsicht: Verwechselungsgefahr und bitte nur nutzen, wenn eine 100%ige Sicherheit besteht (Suchtipp "Gewöhnlicher Löwenzahn"). Insbesondere die Bitterstoffe sind ausgesprochen gesund, am einfachsten bietet sich eine Frühjahrskur an, bei der über 14 Tage täglich 3- 5 Löwenzahnstängel (ohne die ungeöffnete Blüte) gegessen werden. Wer empfindlich reagiert, beginnt mit einem Stängel und steigert sich langsam. Die Kur wirkt harntreibend.

Andorn
Weiterhin fanden wir Knoblauchrauke, Schabockskraut, Frauenmantel, den Huflattich, mehrere Schaumkräuter, den Gundermann, Waldmeister, Andorn, Mutterkraut, Franzosenkraut und das Klettenlabkraut sowie einige andere Pflanzen und lernten einen Ausschnitt der Verwendungsmöglichkeiten kennen. Niemals hätte ich zum Beispiel dem Ruprechtskraut, auch stinkender Storchschnabel genannt, irgendeine positive Wirkung zugeschrieben- und doch hat er sie.

Klettenlabkraut
Wir erhielten viele Rezepte, mörserten bis zum (leichten) Muskelkater und ich wurde ganz neugierig auf die gute Hildegard von Bingen und auf Maria Treben. Petersilienwein und der kleine Schwedenbitter sind bereits in die Hausapotheke aufgenommen worden, einige Tinkturen müsssen noch durchziehen und die ersten Salben wurden bereits aufgetragen.

Brennnesselseife
Es ist faszinierend, wie vielfältig unsere heimische Wildpflanzenwelt von uns Menschen genutzt wurde und zum Teil wird. 5 Tage Vollzeit- Bildungsurlaub haben unsere Gruppe an der Oberfläche kratzen lassen und einige dieser Pflanzen verdienen es, sie näher zu betrachten, sie zu nutzen und sie richtig gut kennen zu lernen- schließlich gehören sie zu der Umwelt, in der wir leben.
Daher betrachte ich nun auch meinen Garten mit völlig neuen Augen und ziehe nicht mehr jedes Kräutlein achtlos aus.

Wildkräutersammelsurium
Völlig neu waren mir nur wenige Kräuter, aber in Sachen Wirkungsweise, Verarbeitung und Zuordnung vom Namen zur Pflanze brachte mir dieser Bildungsurlaub ein umfangreiches, neues Wissen, weches ich nicht mehr missen mag. Die Gruppe selbst war spannend aufgestellt, sehr interessiert und bunt gemischt, ebenso hatten die Dozentinnen auf unterschiedliche Art ihren eigenen Reiz, der ausgesprochen kompetent und sympathisch auf mich wirkte.

Schafgarbe
Fazit: Wer sich mit seiner Umwelt und den darin enthaltenen Pflanzen auseinandersetzen mag und das Wissen, welches zum Teil vielleicht nur aus der Kindheit herrührt, vertiefen mag, dem sei so eine Möglichkeit angeraten. So vieles wächst versteckt direkt vor unserer Haustür und mit ein wenig Achtsamkeit und Aufmerksamkeit erschließt sich eine kleine, spannende neue, alte Welt. Nicht alles ist immer wissenschaftlich belegt, weniges ist widerlegt und vieles kann in unseren Alltag erneut einfließen, weil es über Jahrhunderte dazu beigetragen hat, uns zu helfen und unsere Gesundheit zu unterstützen- und im Falle einer Apokalypse kann so ein Wissen lebensnotwendig werden (was wir ja mal nicht hoffen).

Sauerampfer, fälschicherweise hier mit ph, ist aber pf
Weiterführende, externe Links:

Die Heilkräuterseiten, über 700 Heilkräuter, Rezepte, Salben, Beschreibungen und vieles mehr.

Nicht verwechseln: Wildkräuter und giftige Doppelgänger



Bildungsurlaub.de, mit allen Infos und bundesweiten Angeboten

Smarticular, ein Ideenportal für einfaches, nachhaltiges Leben

Die Seite unserer ersten zauberhaften Dozentin, Wildkräuter Alessia

Die Seite unserer zweiten, ebenfalls zauberhaften Dozentin, Herbalicious

Buchtipps möchte ich an dieser Stelle nicht geben, da ich selbst nur über eine kleine Auswahl verfüge und zu wenig Vergleiche habe. Als Suchbegriffe empfehlen sich: heimische Wildkräuter, Heilpflanzen, Naturführer, Naturkosmetik. Bei Naturführern sollte auf eine gut bebilderte Struktur geachtet werden, in der auch die giftigen Doppelgänger gut beschrieben werden. Desweiteren bieten auch viele Städte und Naturschutzgruppen Naturführungen über einen Nachmittag an.

Ein Bläuling kreuzte unseren Weg










Samstag, 17. März 2018

Moos und Flechten, kleine Welten und Makros

Ich kann mich ja für die kleinen Dinge dieser Welt begeistern...


Da der richtige Frühling noch ein paar Tage auf sich warten lässt, habe ich bei einer meiner Gartenrunden die Gelegenheit genutzt und mir mein Moos und die Flechten am Apfelbaum näher angeschaut.

Moos auf einem Totholzstamm
Moos, mit seinem gerade im Frühjahr so satten Grün und den emporsprießenden Sporenkapseln lässt mich manchmal davon träumen, diesen kleinen Fleck betreten zu können, hindurch zu spazieren und einfach zu sein.

Flechten auf einem Apfelbaum
Kleine, surreale Welten, die auch durch Flechten entstehen- kein Wunder, dass diese Landschaften auch gern als Inspirationsquelle für Kunst- und Filmschaffende genutzt werden.

Kleine, unwirkliche Welten
Beide Arten existieren vermutlich seit über 400 Millionen Jahren auf diesem Planeten und sind wahre Überlebenskünstler.

Ein komplett umwachsener Ast
Flechten können mehrere hundert Jahre alt werden, laut wikipedia existiert sogar eine 4500 Jahre alte Landkartenflechte in Grönland.

Moosinsel
Manche Moosarten können noch nach Jahren der Austrocknung durch Anfeuchten reaktiviert werden und sogar in flüssigem Stickstoff bei -196°C überleben.



Freitag, 29. Dezember 2017

Wann wird was wohin gesät?

Nicht nur bei Streifzügen durch die sozialen Netzwerke begegnet mir in unzähligen Variationen eine Frage, auf die ich im folgenden Artikel unter dem Aspekt der Selbstversorgung ein wenig eingehen möchte: Wann säe ich am Besten... Paprika, Tomaten, Chilis, Bohnen, Kohl, Gurken... u.s.w.

Zeitpunkt der Aufnahme: Anfang Mai, ein Teil ist bereits ausgepflanzt worden
Die einfachste Antwort ist nach meinen bisherigen Erfahrungen folgende:

Der beste Aussaat- Zeitpunkt steht schlicht und ergreifend auf dem Saatgut- Tütchen!


Anfang Mai, die Tomaten wurden extra tief gepflanzt.
Ich habe mittlerweile alles mögliche ausprobiert und kann die Erfahrung weitergeben, dass die Aussaat- Termine auf den Tütchen sogar noch eine Toleranz nach hinten zulassen, je nach Witterung und Pflanze.


Vorgezogene Zucchini, ab Mitte Mai ins Freiland
Insbesondere in Sachen Tomaten, Paprika und Chili kann ich die vielgepriesene Januar- Saat nur bedingt teilen, bedingt, da es hier vielleicht noch auf spezielle Sorten ankommt. Sowohl die Chili "Lila Luzi", die sehr milde Peproni "Lombardo", mehrere so genannte frühe Paprikasorten als auch diverse Tomatensorten von der Johannisbeertomate bis zur Ochsenherztomate kommen bei mir wunderbar wenn ich im März aussäe. Sogar die April- Saat ist noch gut gekommen- hier lag die späte Aussaat jedoch an den Tücken meines Gewächshausbaus.


Im April ausgesäte Paprika hier Anfang Juni, ganz unten Vergleich Juli, Ernte Ende August- Oktober
Es gab Jahre, da mussten meine Zimmerpflanzen temporär umziehen, weil ich alles mögliche ab Januar bis in den April hinein vorgezogen habe- dementsprechend voll waren meine Fensterbänke. Parallel habe ich (bevor mein Gewächshaus Einzug hielt) einen Freilandvergleich vorgenommen. Sogar die im Mai ausgesäten Tomaten haben die vorgezogenen im Wachstum noch eingeholt.

Auch hier Vergleich Anfang Juni und weiter unten im Juli.
Befürworter meinen, dass sie mit einer verfrühten Saat die Erntezeit verlängern können bzw. eine frühere Ernte einfahren können. Die frühere Ernte kommt unter guten Bedingungen und je nach Pflanze schon hin- ob sie dadurch auch reichhaltiger ausfällt, wage ich zu bezweifeln: Gurken, die ich sehr früh herangezogen habe sind im Vergleich mit den späteren Pflanzen auch eher verwelkt bzw. haben eher mit der Fruchtproduktion ausgesetzt. Bei Paprika hatte ich unabhängig von der Anzucht eigentlich immer 4 bis maximal 8 gute Früchte pro Pflanze, hier und da den ein- oder anderen Nachzügler, der aber auch wesentlich kleiner ausgefallen ist. Chilis nehmen eventuell eine Sonderrolle ein, wobei für einen "mittelscharf essenden Haushalt" 2-3 Pflanzen einer wuchsfreudigen Sorte einen Jahresvorrat einbringen wenn erst im März gesät wird. Natürlich jeder so, wie er mag... manches halte ich allerdings für überflüssig, wobei mit mehreren, bewusst zeitversetzt angebauten Pflanzen die Erntezeit durchaus verlängert werden kann.

links im Bild Freilandsaat Erbsen, rechts Sonnenblumen
Auch von großer Bedeutung sind der Ort und die Temperaturen für das Vorziehen: Fensterbank, Kunstlicht, Gewächshaus, Freiland, beheizt, ungeheizt- völlig unterschiedliche Bedingungen und somit auch Zeitfenster für die Aussaat. Aber auch hier hilft die Beschreibung auf den Tütchen wunderbar weiter, meist sind Freiland und unter Glas separat aufgeführt. Wo eine Voranzucht als Angabe fehlt, da ist sie meist auch nicht nötig. (M)eine Ausnahmen: Bohnen, Brokkoli und sogar Spinat ziehe ich vor, da sonst die Schnecken schneller sind und über die jungen Sprösslinge herfallen.

Tomaten nach den Eisheiligen ausgepflanzt
Bei allen frostempfindlichen Pflanzen gilt: Jungpflanzen erst nach den letzten Frösten ab Mitte Mai raus setzen und sich keinesfalls vom sommerlichen Märzwetter täuschen lassen.

Anfang Juni und...
Durchaus berechtigt ist die Frage jedoch, wenn man sein Saatgut durch Tausch oder von Privat bekommen hat- da hilft dann auch kein Samentütchen weiter, allerdings empfehle ich hier nach persönlichen Empfehlungen zu fragen oder einfach auf ein Tütchen im nächstgelegenden Gartencenter zu schauen.

... hier im Juli
Hier noch ein paar allgemeine Tipps zur Aussaat: 
  • Eine Pflanzenbeleuchtung ist immer mit zusätzlichen Kosten verbunden- hier lohnt ein Kosten- Nutzen- Vergleich (wer Chilis zu seinem persönlichen Hobby erklärt hat, dem ist es das wert- wer in Sachen ökologischer Selbstversorgung unterwegs ist, der geht auch nachhaltig mit der Ressource Strom um). 
  • Wenn eine Selbstversorgung angestrebt ist lohnt sich meist auch ein Kaltgewächshaus. Dieses ermöglicht die komplette Voranzucht auch für frostempfindliche Pflanzen bereits ab März (mit ein paar Tricks, siehe auch hier: "Nachtfröste im Frühjahr: Pflanzen im Kaltgewächshaus zum Nulltarif schützen"). 
  • Den Beschreibungen auf den Tütchen kann man in der Regel folgende Informationen und Zeiträume entnehmen: Aussaat (Freiland und Voranzucht), Pflanzung ins Freiland, Ernte, Lebensdauer (Einjährig= ein Lebenszyklus, 2jährig= eine Vegetationsperiode vor und eine nach Frost/ Winter- im 2. Jahr Samenbildung, mehrjährig= kommt jedes Jahr wieder bzw. bleibt als Pflanze über mehrere Jahre am Ort). 
  • Die Samen kennen unseren Kalender nicht auf den Tag genau, eine Verschiebung um ein paar Tage werden sie nicht krumm nehmen, also keine Angst wenn die Empfehlung "bis Ende April" erst Anfang Mai wahrgenommen wird. 
  • Salate können über einen langen Zeitraum gesät werden und die Jungpflanzen können auch ein paar Wochen dicht an dicht stehen. Dies ermöglicht ein bis drei Aussaaten und man kann immer Jungpflanzen entnehmen, um so über das gesamte Gartenjahr ausreichend Salat zu ernten. 
  • Bei Schneckenproblemen müssen die Jungpflanzen geschützt werden. 
  • Es ist für eine Selbstversorgung überaus hilfreich, wenn man sich mit heimischen Kulturen beschäftigt: Welche Pflanzen lassen sich bereits im Frühjahr ernten, welche erst spät im Herbst/ Winter. Stichworte Spinat, Grünkohl, Feldsalat etc. 
  • Vieles ausprobieren, aber in den Folgejahren die eigenen Vorlieben und die Gartenbedingungen entscheiden lassen. Ich habe 4 Jahre gebraucht, um meine perfekte Tomatensorte zu finden, aber nur 1 Jahr für meine Lieblings- Chili. 
  • Keine Angst vor "Kümmerlingen": Anhand der Bilder ist sehr gut zu erkennen, dass die Pflanzen in nur 6 Wochen unfassbar wachsen können. Langstielige Tomaten, Paprika und Chilis können sehr tief eingesetzt werden, ggf. untere Blätter entfernen. Dadurch müssen sie weniger gegossen werden und entwickeln kräftige Stiele.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Gemüsebrühe/ -paste ohne Zusatzstoffe, 2 Variationen

Es gibt ja mittlerweile viele Gemüsebrühenrezepte im Netz. Hier meine 2 Basis- Varianten, einmal getrocknet ohne Salz und einmal als Paste mittels Salzkonservierung haltbar gemacht. 


Gemüsebrühe ist tatsächlich denkbar einfach selbst herzustellen. Man benötigt lediglich ein Gerät, mit dem die Zutaten fein zerkleinert werden können. Ich selbst nutze dazu meinen Thermomix, habe aber früher auch viel mit einem Pürierstab oder einem Standmixer gearbeitet.

Die getrocknete Brühe enthält kein Salz und ich produziere von beiden Varianten in der Regel eine größere Menge.

Für die Paste kommt auf 7 Teile Gemüse 1 Teil Salz, also bei 1400g Gemüse 200g Salz. 

Bei beiden Varianten hat sich zur Bevorratung bei mir die Menge von ca. 1500g Gemüse in einem Arbeitsgang bewährt, so habe ich genug für mehrere Monate.

Rezept:

ca. 3 Bünde Petersilie
ca. 8-10 Möhren
ca. 1 Knollensellerie
ca. 4 Stangen Lauch
1-3 Zwiebeln= insgesamt ca. 1,5 kg
Salz für die Paste

ODER

3 Packungen fertig zusammengestelltes Suppengrün +
1-3 Zwiebeln (je nach Geschmack)
Salz für die Paste, Verhältnis 1:7

Das ist die Basis- Ergänzungen sind möglich, z.B. mit Parmesankäse (soll toll sein, habe es selbst aber noch nicht getestet), getrockneten Tomaten, italienischen Kräutern etc. Es darf experimentiert werden!!!

Für die Paste werden die Zutaten nun in 2 Schritten (jeweils die halbe Menge Gemüse) püriert, im Thermomix auf Stufe 6-8 so lange, bis eine feine Masse entstanden ist, ca. 15- 30 Sekunden, dabei immer darauf achten, dass das komplette Gemüse zerkleinert wird. Zum Schluss wird das Salz zugegeben und der Thermomix kann die komplette Menge noch einmal vermischen. Bei einer Einhaltung des Verhältnisses 1:7 (1 Teil Salz, 7 Teile Gemüse) ist so im Kühlschrank eine Haltbarkeit von mehreren Monaten gegeben, immer abhängig davon, wie sorgfältig und sauber gearbeitet wurde. Wer hierbei auf Salz verzichten möchte, der kann auch portionsweise einfrieren, z.B. in Eiswürfelbehältern. 

In der getrockneten Variante werden die Zutaten zunächst in Streifen geschnitten und im Backofen (bei 50°- 70°C, mehrere Stunden) oder im Dörrgerät (nach Herstellerempfehlung) getrocknet. Danach wird alles zusammen pulverisiert, z.B. im Thermomix 20-30 Sekunden auf Stufe 8-10.

Es bieten sich so 2 tolle Möglichkeiten, um ohne Zusatzstoffe sein eigenes Würzmittel herzustellen, auch wer sich salzarm ernähren möchte oder womöglich muss, braucht so auf schnelle Würze nicht zu verzichten.

Gefäße: Diese sollten natürlich gründlich gereinigt sein und in ausreichender Menge vorhanden sein. Für die Paste nehme ich Glasbehälter mit Schraub- oder Bügelverschluss. Für die getrocknete Brühe nehme ich auch (meist mangels Glasbehältern) Kunststoffschütten o.ä., klassische Vorratsdosen sind ebenfalls geeignet, sie sollten nur recht luftdicht verschließen, da sonst die Gefahr besteht, dass das Trockengut Luftfeuchtigkeit aufnimmt.


Samstag, 26. August 2017

"Alte" und "Neue" Insekten in meinem KLEINen GARTEN

Ein insektenfreundlicher Garten führt dazu, dass sich auch nach und nach die entsprechenden Populationen einfinden- und wenn der Lebensraum günstig ist, dann bleiben sie auch.



Große Sumpfschwebfliege

Der wunderschöne Blattkäfer, der in etwa die Größe eines kleinen Marienkäfers hat, ist ein gutes Beispiel für den Anstieg gewisser Arten. Er ist bei mir zumeist auf dem Herzgespann zu finden. Hatte ich im ersten + zweiten Jahr nur durch Zufall ein Exemplar gesichtet, so ist es jetzt, ca. vier Jahre später, schon mindestens einer pro Kübel und Tag. Diese Art ist ausgesprochen flugfaul und lässt sich bei Berührung bzw. "Gefahr" einfach fallen.
 
Bunt schillernder Blattkäfer
Zum ersten Mal in diesem Jahr dabei sind unter anderem die Raupe des Kamillenmönchs (im dritten Jahr des Kamillenanbaus), die große Sumpfschwebfliege und die Hornissenschwebfliege. Letztere hat mich tatsächlich auch für einen winzigen Moment getäuscht.

Der Kamillenmönch umschließt die komplette Blüte, die Nachtfalterraupe ist recht gut getarnt und fiel mir nur auf, weil der Blütenstängel durch das Gewicht so weit hinunter gezogen wurde.

Kamillenmönch
Leider hat sich die Hornissenschwebfliege nicht gerade den schönsten Fotografenhintergrund ausgesucht- dafür posierte sie aber ein wenig. Sie soll in Mitteleuropa eher selten anzutreffen sein, umso erfreulicher, dass sie mich besucht hat. Die Larven entwickeln sich laut wikipedia in den Nestern von Wespen und Hornissen.

Hornissenschwebfliege beim Shooting- von vorne...

... von der Seite...

und einmal noch die hintere Draufsicht.
Ein ebenfalls gutes Beispiel für den Anstieg der einzelnen Arten in einem ökologischen System ist, vom ersten Jahr des Herzgespann- Anbaus an, die Wollbiene, eine revierverteidigende Wildbiene, die andere Bienen, Fliegen und Hummeln mit einer gekonnt ausgeführten Hinterleibsattacke rammt. Oft überlebt der Eindringling, jedoch werden gelegentlich die Flügel verletzt, was dann zwangsläufig später zum Ende führt. Mittlerweile habe ich mehrere Kübel bepflanzt, was bei den Wollbienen dazu führt, dass diese meine komplette Terrasse bewachen. Für Freunde der Naturbeobachtungen kann ich die Pflanzen nur empfehlen, bei mir steht das sibirische Herzgespann.
Hier noch ein weiterführender Artikel, der meine allerersten Begegnungen schildert- mittlerweile weiß ich, dass es sich um eine Wollbiene handelt und ja, wie auch auf dem Bild zu sehen ist, handelt es sich hierbei um die Paarung- damals war ich noch nicht sicher.
Link: Wildbiene bewacht ihr Revier.

Wollbiene bei der Paarung
Der rote Weichkäfer findet sich zuhauf auf den Blüten des Teefenchels ein. Hier beeindrucken diese Insekten mit einer lange anhaltenden Kopulation, nicht selten sind dabei mehrere Pärchen auf jeder Blüte zu beobachten. Dadurch sind sie auch dankbare Fotomotive, die lange still halten- die Käfer vermehren sich von Jahr zu Jahr und ihre Nahrung besteht unter anderem aus kleineren Insekten.

Rote Weichkäfer bei der Paarung
Die große Sumpfschwebfliege fällt durch ihre Längsstreifen auf dem Thorax auf. Sie ist im Vergleich zu den "normalen" Schwebfliegen recht groß und auffälliger gezeichnet. Wie auch auf dem ersten Bild ganz oben zu erkennen ist, hat sie meiner Meinung nach einen ausgesprochen hübschen, kontrastreichen Kopf.

Große Sumpfschwebfliege auf Minzblüten
In einem vorangegangenen Artikel (Ist das Insektensterben nur ein Mythos?) habe ich meine subjektiven Eindrücke (durch Recherchen ergänzt) bezüglich Insektensterben und schwindenden Vogelpopulationen geschildert. Nach wie vor stelle ich auch ein paar Monate nach dem Artikel und den im Vorfeld getätigten Beobachtungen und Recherchen fest, dass die insektenfressenden Vogelarten in diesem Jahr in meinem Garten kaum vorhanden sind, auch um den Garten herum nehme ich trotz einer hohen Aufmerksamkeit viel weniger heimische Singvögel wahr, als noch in den Jahren zuvor. Jedoch hat die Anzahl der Insekten über diesen Sommer in meinem Garten doch noch stark zugenommen, ebenso ist die Artenvielfalt noch einmal angestiegen, daher hoffe ich, dass sich bald auch wieder ein paar Singvögel einfinden und dieser Schwund im Bereich der Gartenanlage den späten Nachtfrösten im Frühjahr geschuldet war. Bleibt zu hoffen, dass sich alles auf ein gesundes, artenreiches Maß einpendelt- ich bleibe dran und werde berichten.




Dienstag, 15. August 2017

Wildbienenhotel DIY


Wie ich hier schon berichtet habe, versuche ich in meinem Garten einen ganzjährigen Lebensraum für die heimische Tier- und Insektenwelt zu bieten.


Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage und meiner Erfahrung zu "Wie erschaffe ich ein Wildbienenhotel?". Die im Handel angebotenen Produkte halte ich persönlich mittlerweile zu einem Großteil für Bauernfängerei- guter Gedanke, oft schlecht umgesetzt: Meist sind nur etwa 50% des Füllmaterials auch wirklich für Insekten geeignet. Und nicht nur der Kasten muss den Insekten einen Platz bieten, auch der Standort spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Und so habe ich bislang beobachtet, dass nur wenige Kästen von den Insekten angenommen werden.
Und ich finde den Begriff "Insektenhotel" zwar ausgesprochen niedlich- Nisthilfe trifft es allerdings besser... egal, der Name ist zweitrangig.

An ihrem endgültigen Platz- nach 1,5 Jahren
Da ich abgestorbene, große Wurzeln mag habe ich nun im vorletzten Frühjahr eine alte Wurzel über und über mit Bohrlöchern in unterschiedlichen Größen versehen (3-10mm, in unterschiedlichen Tiefen). Die Wurzel ist so groß, dass von unten keine Staunässe entsteht und die Bohrlöcher habe ich recht geschützt an den unteren Seiten der Äste angebracht. Wer Rhododendron nimmt, dem sei mit auf den Weg gegeben, dass dieser unendlich lange braucht um endgültig abzusterben- nach jedem Regen trieb er wieder aus, obwohl der Wurzelballen im wahrsten Sinn "in der Luft hing". Alleine das warf mein Projekt um einige Monate nach hinten.

Diese Löcher sind so gebohrt, dass auch Wasser leicht abfließen kann
Die NABU empfiehlt bezüglich Nisthilfen für Insekten, dass die Löcher entgratet werden und nicht durch das komplette Holz gehen sollen. Versehentlich habe ich leider an 2 Stellen auch mal durchgebohrt. Zum Glück wissen die Insekten nicht, dass da ein Mensch am Werk war ;). Auch sollte man darauf achten, das keine Risse entstehen- und auch hier ist mir leider ein Fehler unterlaufen, die Rißbildung auf dem Bild ist deutlich zu erkennen. Letztendlich reicht es mir allerdings aus, wenn zumindest ein paar der Löcher angenommen werden- das ist mehr, als vorher da war und die Asseln freuen sich vermutlich auch.

So sollte es nicht aussehen
Da es sich um ein langwieriges Unterfangen bezüglich des Erfolges handelt, hieß es dann erst einmal, sich in Geduld zu üben... so bis zum Frühjahr des Folgejahres.

Ich habe die Wurzel von allen Seiten her inspiziert und konnte erfreut feststellen, dass einige der Bohrungen bewohnt waren. Leider habe ich kein Foto, aber es ist grundsätzlich gut zu erkennen: Bewohnte Löcher sind von außen abgedichtet.

Nur schade, dass man nicht reingucken kann. Ich freue mich immens darüber, dass die Wurzel angenommen wird. Ihren endgültigen Platz hat sie im Wall (hier mehr dazu, was so ein "Wall" eigentlich soll: "Kampf gegen die Ackerwinde ohne Gift") gefunden, in unmittelbarer Nähe zu meiner Totholzecke- vielleicht habe ich ja Glück und kann irgendwann einen Schlupf beobachten und fotografisch festhalten.
Eine zweite Wurzel ist im letzten Jahr dazu gekommen und auch diese habe ich so präpariert, dass sie hoffentlich als Übergangsheim dienen kann.

"Verkehrte Welt"... so sieht sie aber am schicksten aus.
Weiterführende, externe Links:
NABU Anleitung für Insekten- Nisthilfen

Sonntag, 25. Juni 2017

Insektensterben in Deutschland- nur ein Mythos?

Im Moment begegne ich häufig dem Satz "Dramatisches Insektensterben in Deutschland". Ist da wirklich was dran, oder ist es gar nicht so schlimm? 


Dieser Frage möchte ich hier für den Bereich NRW/ Ruhrgebiet ein wenig auf den Grund gehen, nicht zuletzt, weil ich selbst versuche, mein kleines Garten- Ökosystem so insektenfreundlich wie möglich zu gestalten (siehe dazu auch meinen Artikel "Lebensräume im Kleingarten").

Sumpfschwebfliege
Ich biete über das Jahr in meinem Kleingarten Lebensräume für Insekten und Vögel an- beides wurde in den vergangenen Jahren auch dankbar von den verschiedensten Spezies angenommen. Bis zum letzten Jahr hatte ich sogar den Eindruck, dass es eine größere Vielfalt an Bewohnern gab. Ich kenne die Anlage und den Garten seit ca. 35 Jahren und kann zwar keine Statistiken von Jahr zu Jahr vorweisen, beobachte jedoch intensiv die Entwicklung.

Im Gegensatz dazu nehme ich wahr, dass die Insekten und somit auch die Singvögel, die in der Innenstadt leben, unfassbar zurück gegangen sind.

Insektenecke im Juni, Phacelia und Kamille
Dann habe ich bei einer Sendung Professor Peter Berthold in einem Interview gesehen, der mir quasi die Augen geöffnet hat, wie schlimm es mittlerweile um die Bestände bestellt ist- und die Vermutungen der Nabu bestätigen, dass vermutlich ein hoher Einsatz an Pestiziden mitverantwortlich ist.

Blühender Rotkohl
Seit dem letzten Jahr kann ich diese Entwicklung nun auch in meinem Garten beobachten. Ich biete 2 Nistkästen an, diese sind bislang jedes Jahr von den Meisen angenommen worden, nicht jedoch in diesem Jahr. Auch die Beobachtungen der bunten Vielfalt an Singvögeln ist zurück gegangen. Lediglich ein paar Blau- und Kohlmeisen, Amseln, Elstern, Raben, ein Taubenpaar... das war es. Im größeren Umfeld der Anlage ein Grünspecht, ein- zwei Buntspechte, vereinzelte Braunellen, Rotkehlchen, Buchfinken- jedoch in einer Anzahl, die keinen Vergleich zu dem Stand vor ca. 20 Jahren zulässt. Gimpel, Spatzen oder Stare? Fehlanzeige, die habe ich schon seit Jahren in beiden Mikrokosmen (Garten/ Stadtwohnung) nicht mehr gesehen.

Teichjungfer
Fast ein wenig wie auf der Arche- von jedem nur 2 Exemplare. Ja, ich kann bestätigen, dass es viel weniger Singvögel in dieser Gegend gibt, als noch vor beispielsweise 10- 20 Jahren- und es werden von Jahr zu Jahr weniger.

Fingerhut
Da die Singvögel tierisches Eiweiß in Form von Insekten benötigen, diese aber scheinbar zurück gegangen sind, ist es nur logisch, dass auch die Vogelpopulationen schwinden. Und da kommt das Insektensterben wieder ins Spiel. Durch akurat gepflegte Ziergärten, die nur nach den minimalsten Anforderungen einer Kleingartenanlage bewirtschaftet werden, sterben diese Gärten. Und ein toter Garten wird nicht gern besiedelt- bietet er doch noch nicht einmal genügend Unterschlupf, geschweige denn Nahrung- und jeder insektenvertilgende Vogel hat plötzlich ein Problem.

Kamillenmönch
Nun ist ein Kleingarten oder auch ein Hausgarten in der Regel nicht vergleichbar mit den vorhandenen Flächen, die z.B. ein großes, landwirtschaftliches Feld bietet. Leider werden die Insekten dort mit Schädlingsbekämpfungsmitteln ausgerottet- und hier sehe ich meine Verpflichtung, einen Gegenpol zu bieten- kleine 400qm gegen hektargroße Gebiete...  ein Kampf gegen Windmühlen.

Wickenerdfloh
Wer in den letzten 20- 30 Jahren in der Lage war, seine Umwelt bewusst zu erleben, der wird sich daran erinnern, dass in der Nacht die Straßenlaternen von unzähligen Nachtfaltern und anderen lichtliebenden Insekten besucht wurden. Und eine Autobahnfahrt hatte zur Folge, dass die Windschutzscheibe im Anschluß von toten Insekten befreit werden musste. Ohne Fliegengitter konnte nach Einbruch der Dunkelheit kein Fenster mehr geöffnet werden, weil sonst die Invasion von den unterschiedlichsten Insekten begann. Der Sommerflieder (auch Schmetterlingsflieder genannt) wurde so stark frequentiert, dass man vor lauter Faltern kaum noch die Blüten erblicken konnte.

Und heute in der Stadt? Ich kann die Fenster ohne Gitter öffnen, noch nicht einmal ein paar Fliegen verirren sich mehr unter der Lampe. Laternen leuchten ohne Besucher und nach einer Autobahnfahrt sieht meine Scheibe aus wie zuvor.  
Weichkäfer auf Teefenchel
 Im Gegensatz dazu der Garten: Vermutlich hatten die späten Fröste im Frühjahr 2017 zur Folge, dass auch die Insekten zeitverzögert zu beobachten waren. Zunächst ließ dies den Schluss zu, dass kaum noch Insekten vorhanden waren. Im Juni/ Juli jedoch summte es plötzlich wieder- in einer noch bunteren Vielfalt als in den Jahren zuvor. Die unterschiedlichsten Pflanzenarten, die ich im Laufe der 5 Jahre neu gepflanzt und gezogen habe, locken nun auch die unterschiedlichsten Insekten an. Die erste Kamillenmönch- Raupe, die erste Sumpf- und Hornissen- Schwebfliege. Eine Gallwespenpopulation auf dem Teefenchel, viele Hummeln, Bienen und Hornissen.
Harmlose Feuerwanzen auf einem Kürbiskern
A pro pos Bienen: Von den ganzen Bienenprojekten bin ich persönlich übrigens nur insofern überzeugt, dass diese Maßnahmen hoffentlich auch für andere Insekten hilfreich sind. Es sind eben nicht nur die Bienen, die uns kümmern sollten.

Hummel in warnender Abwehrhaltung
Ich versuche nunmehr seit 5 Jahren einen Lebensraum für Mensch und Tier in diesem Garten zu schaffen und merke von Jahr zu Jahr, dass es sich gut entwickelt. Allerdings ist der momentan noch zu beobachtende Rückgang der Singvögel ein Zeichen dafür, dass es (noch) nicht ausreicht. Dazu werde ich im kommenden Jahr berichten, da mehrere Faktoren in diesem Gartenjahr eine Rolle gespielt haben: Späte Fröste, davor ein sehr warmer März/ April, lange Trockenheit gefolgt von langer Feuchtigkeit- insgesamt ein ständiger Extremwechsel, dem vielleicht auch die ein- oder andere Brut zum Opfer fiel.

Dennoch: Ein toter Garten ohne Lebensräume wird nicht besiedelt- und hier sind wir wieder bei 400qm gegen hektargroße Felder, die in keiner Weise ökologisch bewirtschaftet werden.

Schwebfliege
Kann jeder etwas beitragen? Mit Sicherheit- und wenn es "nur" die Beteiligung an allen möglichen und unmöglichen Petitionen ist- die Felder müssen wieder "sauber" werden, das ist in meinen Augen das allerwichtigste!!! Wer einen Garten hat, sollte "unaufgeräumte" Flächen und Lebensräume anbieten, und wenn es nur eine kleine Ecke irgendwo außerhalb des Sichtbereiches ist. Hecken sollten breit genug sein, so dass Vögel dort Schutz finden (ein schmaler Streifen nutzt da nüscht). Die Unkrautbekämpfung sollte nicht mittels Pestiziden vorgenommen werden- wobei dies ja auch eigentlich im Interesse jedes Gartenbesitzers sein müsste. Heimische Blühpflanzen sind toll und bereiten auch dem Menschen viel Freude, geschossenes Gemüse kann man auch mal stehen lassen, die Blüten bieten Nahrung im späten Gartenjahr- ich habe noch nie eine Unkrautinvasion durch Salat oder Brokkoli im Folgejahr gehabt. Und: die Ganzjahresfütterung von Vögeln ist zumindest in bestimmten Gebieten mehr als wichtig geworden- zumindest so lange, bis es wieder ausreichend Futter in freier Wildbahn gibt. Nein, das Insektensterben ist kein Mythos- es ist zumindest in manchen Gebieten bittere Realität.

Weiterführende Links in diesem Blog:
Insektenfreundliche Projekte für Lebensräume über das ganze Jahr
Do it Yourself Wildbienenhotel aus alten Wurzeln

Weiterführende, externe Links:
Insektensterben (wikipedia)
Professor Peter Berthold (wikipedia)
Nabu Homepage

Nachtrag: Ich habe den Artikel im Oktober 2017 aktualisiert, da ich im späten Frühjahr zunächst in der fehlerhaften Annahme war, dass sich kaum noch Insekten in meinem Garten befinden würden. Dies hat sich dann jedoch im Sommer wieder ausgeglichen. In jedem Fall ist es aber Fakt, dass die Gärten, die "sauber" und pflegeleicht daher kommen, zu wenig Raum für Tiere und Insekten bieten. Letzte Presseveröffentlichungen stimmen den Beobachtungen vieler Menschen zu, dass in den letzten 20- 25 Jahren ein Insekten- Rückgang von 75% stattgefunden hat. Wenn Gärten also eine Zuflucht bieten können, dann sollten wir mit unseren kleinen Möglichkeiten alles tun, damit die Rückkehr zu einer ökologischen Landwirtschaft ohne zu große Einbußen stattfinden kann.